
Morgens um sieben: Ich öffne meinen Kleiderschrank, schaue meine Sachen an und ich denke, nichts passt gerade, obwohl der Schrank voll ist.
Da Kleidung für mich nicht nur den Nutzen hat, gut auszusehen, erfüllt sie auch den Zweck, dass ich mich in ihr gut und sicher fühlen möchte. Wie das gelingt, erzähle ich euch jetzt.

Der Tag beginnt vor dem Kleiderschrank
Viele von uns, die nicht eine Dienstbekleidung oder Uniform tragen, kennen dieses morgendliche Quiz mit sich selbst: Was ziehe ich heute an?
Ich beschäftige mich schon lange mit Mode, liebe Mode und irgendwann habe ich begonnen, diese Frage ein wenig umzuformulieren:
| Von: Was ziehe ich an? zu: | Wie möchte ich mich heute fühlen?
Denn natürlich gibt es Stücke in meinem Schrank, die verschiedene Ausstrahlungen haben. Was jetzt nach einem Fragenkatalog klingt, der zeitaufwendig scheint, wird bei etwas Übung so selbstverständlich, wie ein Glas Wasser zu trinken.

Wie möchte ich mich heute fühlen?
Es gibt Tage, an denen ich morgens schon weiß, dass heute Termine oder Anlässe auf mich warten, die ich gerne mit meiner Kleidung unterstreichen möchte. Auf diese Frage gibt es unterschiedliche Antworten und ich möchte euch erzählen, wie diese bei mir aussehen und wie ich sie dann in ein Outfit verwandele.
- Leicht und selbstverständlich (neudeutsch effortless): Heute weiß ich, dass ich den Tag locker und fröhlich gestalten kann. Hier wähle ich leichte Kleidung, oft ’nur‘ Basics wie Bluse, Shirt oder Jeans und entscheide mich auch für zarte Farben. Das darf dann ein Outfit sein, über das ich mir den ganzen Tag keine Gedanken mehr machen muss.
- Kraftvoll: Heute habe ich ein unangenehmes Gespräch, muss ein Telefonat führen oder habe viel zu erledigen. Wenn ich Kraft für bestimmte Dinge brauche, der Tag anstrengend wird, dann brauche ich ein Outfit, das mich ‚trägt‘. Eine gut geschnittene Hose, gerne ein Blazer, eine Bluse oder ein schlichtes Shirt. Monochrome Outfits mag ich an solchen Tagen gerne, weil sie nicht ablenken, sondern einfach da sind und harmonisch aussehen.
- Friedlich und sanft: Die Bezeichnung ist etwas irreführend, aber wenn ich heute Schönes erlebe oder geplant habe, ein besonderes Treffen ansteht, dann trage ich gern helle Kleidung, ein Kleid oder einen Rock. Diese Stücke umgeben mich leicht und das macht auch etwas mit meiner Stimmung.
- Mutig: Heute stehen unbekannte oder nicht so geliebte Termine auf meiner Liste: eine Verabredung, die mir nicht gefällt, neue oder fremde Menschen treffen, eine Umgebung oder ein Anlass, den ich nicht kenne oder mag? Dann ist es Zeit für meine Rüstung, wie ich es immer nenne. Ich trage dann sehr gern einen (zusammengestellten) Hosenanzug, einen Blazer mit einer gutgeschnittenen Hose (Anzughose) oder ein schlichtes Kleid. Kurz, ich trage die schicke Kleidung, in der ich mich wohl fühle und die für mich wie eine Rüstung wirkt.

Vielleicht denkst du selbst auch einmal darüber nach: Welche Kleidung gibt dir eigentlich Leichtigkeit? Was ist deine Rüstung? Was ziehst du an, wenn stark sein möchtest? Was macht deine Kleidung mit dir? Bist du du selbst?
Kleidung ist nicht die Frage: Wie möchte ich gesehen werden? Sondern: Wer möchte ich sein?
Ich stehe in meinem sonstigen Leben für Authentizität und das halte ich auch bei meiner Kleidung und meinem Stil so. Denn die Wahrheit, auch bei Mode, ist doch: Kann ich ich sein, wenn meine Hülle nicht ich ist?
Ich behaupte nein, denn Kleidung, in der du nur etwas darstellen willst, entlarvt dich sehr schnell und das macht dann unsicher. Mir gefallen viele Stile, ich kann an anderen Menschen Outfits toll finden, die ich selber niemals tragen möchte. Das liegt daran, dass ich schon vor langer Zeit meinen Stil gefunden habe.
Das bedeutet nicht, dass ich mich nicht entwickele, wie ihr an meinen kleinen Farbausbrüchen immer wieder sehen könnt. Aber es gibt Dinge, die wunderbar zu anderen Menschen passen und zu mir nicht. Klar, ist das manchmal ärgerlich, aber das Gefühl verkleidet zu sein, drückt auf meine Stimmung.
Darum entscheide ich mich auch immer wieder bewusst dazu, auch in meinem Stil ich selbst zu sein.

Was wir tragen, das tragen wir nicht nur nach außen
Für mich verbindet sich das Innere mit dem Außen, ich brauche sehr viel Ruhe (manchmal mit einem Klecks Farbe) in meiner Kleidung, weil ich mich dann sicherer fühle. Wenn ich mich nicht wohlfühle, mit dem, was ich trage, dann strahle ich das unweigerlich aus.
Denn meine Kleidung macht aus mir ja keinen anderen Menschen. Wenn ich sie aber für mich auswähle, dann hilft sie mir, mich sicher und gut zu fühlen und mich zu spüren. Das strahle ich dann auch auf andere Menschen aus.

Mein Signature Look: Wenn ich weiß, was immer funktioniert
Für mich bedeutet ein Signature Look nicht, dass ich diesen rauf- und runtertragen muss. Er ist für mich die feste Bank bei Kleidung, weil ich mich darin immer wieder erkenne und sehe. Wenn ich meine Frage ‚Wie möchte ich mich fühlen?‘ nicht sicher beantworten kann, dann greife ich zu meinem Signature Look. Bedingt durch meinen cleanen Stil hätte ich viele davon im Schrank, aber einer ist es, den ich blind anziehen könnte:
- eine dunkle Jeans, weil die zu vielen Gelegenheiten passt
- ein gutes, weißes Shirt, weil es unkompliziert ist
- ein dunkelblauer Blazer, weil ich Blazer liebe und sie für mich gleichzeitig als Rüstung funktionieren
- Saubere, weiße Sneaker aus glattem ‚Leder‘, sie sind mittlerweile zu Klassikern geworden und gehen darum fast immer
Wenn ich wirklich gar nicht weiß, was ich anziehen möchte und meine Frage nach meinem Gefühl mich nicht unbedingt weiterbringt, dann weiß ich, dass dieser Look einfach funktioniert.
Und ein cleaner, simpler und klassischer Look, das bin einfach ich. Mit meinen Accessoires kann ich dann ja immer noch ein bisschen spielen.

Anlassgerecht, aber trotzdem ich bleiben
Ich ziehe mich für verschiedene Anlässe gerne gut, schick und eben auch passend an. Aber mittlerweile gibt es auch für ‚Dresscodes‘ gute Interpretationen, sodass ich dem Anlass angemessen gekleidet bin, aber mich selbst nicht verliere.
- Ein besonderer Anlass: Mittlerweile gibt es auch bei Abendkleidern von schlicht bis pompös eine große Bandbreite. Du wirst also ein Kleid finden, in dem du dich wohl und dennoch gut angezogen fühlst. Ich liebe es auch, wenn solche Kleider Stretch haben, damit ich mich auch auf der Tanzfläche austoben kann. Und zum Glück sind auch Highheels kein must-be mehr. Für eine Feier gilt für mich dasselbe wie für einen Restaurant oder Theaterbesuch. Wenn ich mich, auch ohne Dresscode, gut und schick anziehe, dann zolle ich dem Ausrichtenden Respekt und bringe ihm Wertschätzung entgegen. Denn diese Einladung bedeutet mir ja etwas.
- Ein Restaurant- oder Theaterbesuch: Ich finde es schön, wenn ich weiß, dass ich ausgehe, mich entsprechend anzuziehen. Auch, um für mich die Besonderheit eines solchen Anlasses zu sehen. Und manchmal wünsche auch ich mir einen Carrie Bradshaw ähnlichen Look wie Tina. Weil es einfach cool ist.
- Der berufliche Alltag: Ich mag es sehr, wenn ich in Büros, Geschäften und bei Behörden auf gut angezogene Menschen treffe. Denn auch das ist für mich eine Form von Respekt sich selbst und dem Kunden gegenüber. Ich ziehe mich auch in meinem kleinen Homeoffice jeden Tag gut an. Das bewirkt auch etwas in meiner persönlichen Motivation.
- Der ganz normale Alltag: Auch im Alltag versuche ich immer, gut angezogen zu sein. Ich finde, dass das eigene Auftreten dann oft leichter und (selbst) bewusster wirkt. Und es hat noch nie geschadet, sich auch selbst aufzuwerten

Kleidungsstücke, die für mich verlässlich sind
Wir müssen nicht alle meine sechs Kleidungsstücke besitzen, das können bei dir auch ganz andere sein. Aber für mich sind sie kleine Rettungsinseln in meinem Kleiderschrank, wenn ich meine Fragen nicht beantworten kann, weil ich zu müde, zu abgelenkt oder schlicht unlustig bin:
- eine gut sitzende (dunkle oder nicht zu ausgewaschene) Jeans
- eine gut geschnittene Hose
- ein Satinrock für festlichere Momente
- ein schlichtes Kleid
- ein schlichtes Shirt oder Bluse
- ein Blazer oder eine Jacke
Wie finde ich meinen persönlichen Stil?
Für ich beginnt Stil nie mit Trends, sondern worin ich mich selber wiederkenne. Stil bedeutet für mich, dass ich trage, worin ich mich wohlfühle, was meinen Farben entspricht, welche Schnitte ich mag. Das kann sich immer wieder einmal ändern, aber ich habe festgestellt, dass eine Grundrichtung bleibt.
Und mit der Zeit habe ich sehr genau gelernt, was ich gar nicht erst probieren muss, weil ich darin verkleidet aussehe. Ich weiß, dass ich bestimmte Schnitte für mich ablehne, weil sie nicht zu mir oder meinem Leben passen. Denn Kleidung muss passen und da sein. Ich möchte mit meiner Hoselänge nicht den Boden wischen und ich möchte mich auch nicht eingezwängt fühlen.

Mein Leben darf auch vor dem Kleiderschrank leicht sein
Ich brauche nicht jeden Morgen ein Stylingprojekt, auch wenn es sich für Außenstehende bestimmt so anfühlt. Für mich ist wichtig, dass der Großteil meiner Kleidungsstücke miteinander harmonieren und ich sie so kombinieren kann.
Ich weiß, dass ich mich in meiner Kleidung wiederfinde und ich ich selbst bin. Im Innen wie im Außen. Das ist mir viel wichtiger, als Trends nachzujagen. Wenn einer zu mir passt, ist er natürlich willkommen. Aber er kommt dann, um mein Trend zu bleiben.
Und so sehe ich alle meine Kleidungsstücke als Basics, die es mir erlauben, immer wieder neue Looks und Outfits zu stylen.
Wie kannst du somit einfacher dein Outfit des Tages bestimmen?
Mit diesen drei Fragen, die wir schon im Beitrag gesehen haben:
- Wie möchte ich mich heute fühlen?
- Was steht heute an und was brauche ich dafür?
- Fühlt sich das Outfit nach mir an?
Und, mit einem Augenzwinkern: Ziehe ich das an, weil ich es wirklich liebe – oder glaube ich, ich müsste es (mal wieder) tragen?
Mode und Alter: Wie geht das zusammen?
Ich bin diese Aufrufe, Was du ü50 tragen solltest und was nicht, leid. Ich möchte auch nicht lesen, stört euch nicht an meinen alten Armen oder hässlichen Beinen. Denn dann schaut man doch erst recht hin, nicht wahr?
Ich möchte mich nicht bewusst jünger anziehen. Ich möchte mich gewollt gut anziehen mit Kleidung, in der ich mich wohl und zufrieden fühle. Auf dem Preisschild steht ja zum Glück auch keine Altersempfehlung 😂.

Mode macht mir Spaß, schon immer und für immer. Ich möchte mich mit ihr gut fühlen. Punkt.
Und genau das sehen wir dann auch, wenn wir eine super kreativ und gut gekleidete Ü50-Jährige sehen. Den Spaß an der Mode, ihr Gefühl. Und nicht die Arme.
Darum ist die vielleicht wichtigste Frage nie, WAS ich heute anziehe. Sondern wie ich mich damit fühlen möchte.
Findest du dich in diesem Beitrag wieder? Wie wählst du deine Kleidung am Morgen aus?
Alles Liebe,
eure Nicole





guten Morgen Nicole, was für ein schöner Beitrag. Ich musste lachen gleich am frühen Morgen, bei der Vorstellung Kleidung hätte noch eine Altersempfehlung ähnlich wie die bei Filmen. Ich würde wohl ständig daneben greifen.😂 Diese altersgemäß Sache kommt wirklich langsam in den Köpfen der Menschen an, was mich sehr freut. Wir können doch alles tragen, was wir wollen. Ich bin ganz bei dir, Kleidung bestimmt ganz oft, wie ich mich fühle. Sie trägt auch die Stimmung nach außen. Manchmal bin ich froh, dass ich bei Oberbekleidung an Arbeitstagen keine Wahl habe. Okay ich kann zwischen Bordeaux farbener Arbeitskleidung und weißer Arbeitskleidung wählen, dazu Rock oder Hose Sneakers in verschiedenen Farben. Denn natürlich muss ich so nicht morgens vor dem Schrank stehen und mir überlegen, was ich zur Arbeit anziehe . Aber in der Freizeit mache ich das liebend gerne, wie du ja weist. deine Empfehlungen sind gut nachzuvollziehen, ich finde, es gibt nichts schlimmeres, wie wenn man sich verkleidet fühlt. Das sind dann oft Teile die man wenig trägt und die irgendwann wohl zum Fehlkauf werden. Schön ist es natürlich, wenn viele Teile im Kleiderschrank miteinander kombinierbar sind. Das erleichtert ungemein beim Auswählen. So wie mein Kleiderschrank jetzt so schön zusammenpasst, dass ich oft unzählige Möglichkeiten habe.
heute ist mir nach roten Sneaker und einer verkürzten dünnen Jeans. Heute trage ich zwei Arbeitsjacken übereinander, denn es ist schon richtig kalt morgens. Ich wünsche dir einen wunderschönen Montag liebe Grüße Tina