
Ein Social-Media Post war der letzte Stupser, den ich für diesen Beitrag brauchte. Denn der Weg zu ‚Warum ich nicht mehr jedem gefallen möchte‘ von ‚Oh Gott, was denken die Leute nur?‘ ist weder kurz noch glatt. Zumindest nicht bei mir.
Ich wurde mit Glaubenssätzen erwachsen, von denen ich einige mittlerweile gut entfernt habe. Sitzen sie manchmal trotzdem noch in meinem Kopf? Aber ja. Nur haben sie dort mittlerweile keinen Stammplatz mehr.
Dazu gehörte es, mein eigenes Mindset zu überdenken, einige Enttäuschungen zu erleben, schöne und überraschende Erfahrungen zu machen, meinem Mann mit seiner klugen, analytischen Art zuzuhören und den Menschen, die ich Familie und Freunde nenne und nennen darf.
Und der zentrale Gedanke dabei:
Es kann nicht alles bei allen gut angekommen. Aber wenn es mir gefällt und guttut, dann ist das schon einmal ein guter Anfang.

Warum wollen wir eigentlich so gerne gefallen wollen
Der Social Media Post, der diesen Ausschlag gab, handelte davon, dass jemand mindestens für ein Jahr in ein anderes Land zieht, vielleicht länger und sich damit einen Traum erfüllt.
Sofort kamen natürlich die Wächter über ‚So geht das doch nicht‘ herbei und verurteilten sie aufs Schärfste.
Das hat mich ein bisschen schockiert.
Denn sie nimmt niemandem etwas weg, hat sich erarbeitet, was sie tut und erfüllt sich einen Traum. Weil sie es kann. Und nicht, weil sie undankbar ist, wie eine der Kommentatorinnen meinte.
Und da war er wieder, dieser Gedanke:
Kann man eigentlich allen gefallen? Und will man das überhaupt?
Ich glaube, gerade bei uns Frauen ü50 ist dieses ‚Gefallen wollen‘ vielen bereits mit der Muttermilch mitgegeben worden. Zumindest bei mir war das so. Ein zentraler Gedankengang war sehr häufig: Was denken andere darüber, was ich tue oder lasse.
Und so zieht sich dieses Gefallenwollen durch unser Leben.

Wenn wir ehrlich sind, ist es ja auch immer schöner zu gefallen als es eben nicht zu tun.
Nur – und das ist eine Erfahrung, die ich schmerzhaft und schön gleichzeitig lernen durfte – wir können gar nicht ALLEN gefallen.
Denn was der eine mag, das findet der andere oft blöd.
Mit dieser Erkenntnis ausgerüstet, war das: Ich möchte gar nicht mehr jedem gefallen plötzlich viel leichter. geworden. Denn so gefalle ich mir und wenn ich mir gefalle, dann zieht das auch andere an.
Deswegen kann ich natürlich trotzdem:
- nett sein
- verständnisvoll sein und agieren
- empathisch sein
- gut aussehen
- eine gute Partnerin/Mutter/Freundin/Kollegin sein
Aber eben nicht um jeden Preis.
Denn wenn ich ständig darauf achte, dass ich alles tue, damit andere mich toll finden, finde ich dann eigentlich noch mich selber toll?
Ich möchte gar nicht mehr jedem gefallen
Das bedeutet nicht, dass ich plötzlich kalt oder gar emotionslos geworden bin, im Gegenteil.
Ich habe mir selbst nur ein paar Emotionen zugedacht, die ich dann auch auslebe.
Und das bedeutet, dass ich:
- anderer Meinung sein darf und das auch äußere
- mich selbst auch einmal an die erste Stelle rücke, ohne über andere drüberzurollen
- dass ich Nein sagen wieder übe und es auch sage.
Ich bleibe dennoch respektvoll, freundschaftlich, höre aufmerksam zu, unterstütze, bin freundlich und zugewandt.
Ich nicke nur nicht dauernd mit dem Kopf, esse Frösche, die mir nicht schmecken, schweige oder schaue weg.

Und ich muss auch gar nicht jedem gefallen
Dieser Gedanke, dass man gefallen muss, steckt oft tief in den Köpfen. Und wie eingangs geschildert, wird uns das gar nicht gelingen.
Ich denke nicht mehr, dass ich mich erklären muss.
Nein, das muss ich nicht, denn nicht jeder Mensch muss mich verstehen.
Ich muss meine Entscheidung rechtfertigen.
Nein, das muss ich nicht, denn nicht jede Entscheidung braucht eine Rechtfertigung vor anderen.
Ich muss dafür sorgen, dass niemand (von mir) enttäuscht ist.
Nein, das muss ich nicht.
Ich sollte nur niemanden wissentlich verletzen.
Dass Menschen enttäuscht sind, wenn ich gerade nicht präsent bin oder mich nur nach ihnen richte, das kann ich nicht verhindern.
Wie sagte schon Nathan der Weise: ‚Kein Mensch muss müssen‘.
So, wie ich andere Menschen respektiere und akzeptiere, darf ich das für mich auch erwarten.
Manchmal tut genau das ein bisschen weh. Denn nicht jedem zu gefallen bedeutet eben auch, dass gelegentlich jemand enttäuscht von mir sein wird.
Und ich werde auch nicht mehr jedem gefallen
Und wisst ihr was?
Vermutlich habe ich das auch noch nie, sondern es in grauer Vorzeit nur versucht.
Denn natürlich lache ich für einige zu laut. Natürlich ist mein Humor manchmal derbe.
Und die wichtigste Erkenntnis ist doch: Es ist schlicht unmöglich, allen zu gefallen.

Und zwar egal, was wir tun, sagen oder lassen:
- Während die einen meinen cleanen Kleidungsstil oder mein Outfit toll finden, finden andere es zu langweilig
- Während die einen es super finden, dass ich mit ü50 immer noch ärmellos, Shorts und kniekurz trage, denken die anderen, dass sich das wohl nicht mehr ’schickt‘.
- Der eine liebt es, dass ich den Glow sehe, für andere ist das übertrieben. Ist es übrigens nicht;).
- Der eine findet meine Meinung super, dem anderen ist sie zu fest/unbequem/lasch.
Das Verrückte am gefallen wollen ist ja:
Egal wie du dich verbiegst oder gerade machst, es wird immer den einen oder mehrere geben, die genau das Gegenteil wollen.
Darum bin ich ich.
Und ich lebe meine Version von mir, mit der ich mich meistens wohlfühle. Ich hoffe, dass das richtigen Menschen in meinem Leben hält oder in mein Leben holt.
Das Geschenk des Alters
Für mich ist das eins der größten Geschenke des Alters, das ich vielleicht gerne ein paar Jahre früher bekommen hätte:
Ich weiß endlich viel genauer:
- Wer ich bin
- Was mir guttut und was eben nicht
- Was ich möchte und was nicht
- Wer mich bereichert und hält und wer nicht
- Welche (faulen) Kompromisse ich nicht mehr machen möchte
Das ist eine Freiheit, die ich sehr schätze.
Es ist mein Leben, meine Meinung, mein Lachen, mein Stil.
Ich verletze niemanden, ich beschränke niemanden, ich respektiere vieles und versuche dadurch, die Welt ein bisschen heller zu machen.
Aber ich bleibe mir dabei treu, denn sonst wird mein eigenes Licht ja viel dunkler
Dafür müssen wir nicht jünger sein, jünger aussehen oder jünger auftreten.
Wir sind einfach wir selbst.

Was ich heute anders mache als früher
- Wenn etwas oder jemand mir nicht guttut, versuche ich das zu vermeiden.
- Ich akzeptiere meine Bedürfnisse, ohne mich für sie zu rechtfertigen.
- Ich sage öfter nein.
- Ich erkläre nicht mehr jede meiner Entscheidungen.
- Ich versuche immer, mein bestes Leben zu leben, ich habe nur dieses eine.
- Ich weiß, dass ich nicht für jeden die richtige Gesellschaft sein muss.
- Ich halte es etwas leichter aus, wenn jemand mich ebenso nicht so mag.
- Ich trage, was mir gefällt und worin ich mich wohlfühle.
- Ich lache, bis mir der Bauch wehtut und das sogar richtig laut.
- Ich mache fremden Menschen Komplimente.
- Ich esse, was mir schmeckt und es schert mich nicht, wenn jemand sagt, dass ich lieber Salat statt Schokolade essen sollte
- Ich freue mich über Kleinigkeiten
- Ich sage, wenn mir etwas nicht gefällt oder ich etwas nicht kann.
Es sind kleine Dinge, die mir eine andere, lässige Form von Lebensfreude und Freiheit geschenkt haben.

Und vielleicht ist genau das der Punkt:
Nicht mehr jedem gefallen zu wollen, bedeutet für mich nicht, weniger herzlich, weniger empathisch oder weniger freundlich zu sein.
Denn es bedeutet, mich selbst dabei nicht mehr zu verlieren.
Gibt es etwas, was du heute tust, was du mit weniger Furcht jemandem nicht zu gefallen, nicht mehr tun würdest? Ist es dir wichtig zu gefallen oder hältst du es auch aus, wenn das einmal nicht so ist?
Alles Liebe,
Eure Nicole






Als harmoniesüchtige Waage war es für mich nicht leicht, diesen Weg, den du beschreibst, einzuschlagen und ihn auch zu gehen. Ich mag mich ja gar nicht gerne streiten und habe früher oft versucht, es allen recht zu machen. Das funktioniert natürlich nicht. Zum Glück ist das heute nicht mehr so.
Liebe Grüße
Sabine
Ich bin zwar keine Waage, aber auch ein Harmoniebärchen. Darum weiß ich genau, was du meinst. Und verstehe dich so gut.
Aber ich habe irgendwann gemerkt, dass mir selbst das nicht immer guttut. Und so renne ich jetzt zwar nicht streitsüchtig und streitlustig durch die Gegend, aber ich mache auch nicht mehr alles, um vermeintliche Harmonie zu haben.
Liebe Grüße
Nicole
Seit einigen Jahren verfolge ich deinen Blog. Nun möchte oder muss ich mich das erste Mal bei dir melden. Von Herzen Danke für diesen Beitrag. Es spricht mir quasi aus der Seele. Auch ich musste erst 54 werden, um vieles hinter mir zu lassen bzw. zu mir und meinen Wünschen und Überzeugungen zu stehen. Ich freue mich darauf, diesen Prozess in deinem und meinem Leben weiter zu verfolgen.
Danke nochmal und alles Liebe.
Romy
Liebe Romy,
ich danke dir, dass du hier bist und für deinen schönen Kommentar. Ich glaube, das ist bei vielen von uns ein Teil der Reise und es ist umso schöner, wenn wir diese Etappen mit Freude schaffen.
Alles Liebe und bis bald
Nicole
Oh ja, so ist es richtig und diese Erkenntnis habe ich schon eine ganze Weile. Aber es gelingt nicht immer, denn so leicht ist das gar nicht immer. Ich bin etwas ratlos, wenn ich lese, was der Auslöser für diesen Post war. Wie kann jemand im Internet wohlgemerkt meckern, wenn jemand für ein Jahr weg geht. Oder kürzer oder länger.
Du machst das schon richtig.💕
Liebe Grüße Tina
Ich danke dir, liebe Tina. Immer leicht finde ich es auch nicht. Aber du weißt ja: wenn man einmal darüber geschrieben hat, ist man selber erinnert.
Häufig wundere ich mich darüber, was Menschen für Aufhänger zum Meckern finden.
Danke, dass du das so teilst und mich unterstützt.
Hab eine schöne Woche und liebe Grüße
Nicole
Liebe Nicole,
vielleicht will man ja auch denen, denen man nicht gefällt, gar nicht gefallen, wenn man richtig drüber nachdenkt….
Ich war schon immer jemand, der nicht jedem gefallen hat. Meine Mutter hat auf „was sollen die Leute sagen“ immens viel Wert gelegt und das hat wohl meine rebellische Seite getriggert, so dass ich als junge Frau bewusst versucht habe, nur mir zu gefallen und was die anderen sagen, wurde mir dann sukzessive egal. Natürlich freue ich mich über Zuspruch und durchaus auch über Komplimente, aber wichtig ist mir eigentlich immer, dass ich mir selbst treu bleibe.
Als die Kinder noch klein waren, war es ein guter Ratschlag, sich auch um sich selbst zu kümmern. Denn nur wenn es einem selbst gut geht, kann man sich auch gut um andere kümmern.
Vielleicht ist es mit dem Gefallen genauso. Wenn man sich selbst gefällt, strahlt man das auch aus und umso mehr gefällt man anderen.
Gefällige Grüße von Bord
Britta
Ja, du hast recht. Deine Mutter war offenbar meiner ähnlich und indirekt habe ich auch rebelliert. Aber gefallen wollte ich früher mehr. Und heute gebe ich dir sowas von recht, dass man denen, denen man nicht gefällt, vielleicht wirklich nicht gefallen will. Ist aber auch ein Lernprozess.
Du machst das richtig.
Liebe Grüße und eine schöne Woche (an Bord?)
Nicole
Ein bisschen gefallen zu wollen, steckt wohl in uns als sozialem Wesen. Sich dabei selbst nicht zu beschneiden, finde ich am wichtigsten – und genau danach lebst du inzwischen.
Ich bin anders als die meisten von Eltern aufgezogen worden, denen ziemlich egal war, was andere von ihnen denken. Als Jugendliche habe ich mir manchmal gewünscht, dass meine Mutter mehr Mainstream wäre und weniger anecken würde. Dass sie eigentlich ganz cool war, habe ich erst mit Ende 30 erkannt.
„Ich erkläre nicht mehr jede meiner Entscheidungen.“ Gute Entscheidung! Das ist ein Punkt, in dem ich mich seit einiger Zeit bewusst übe. Ich begründe meine Neins nicht mehr bzw. nur so kurz wie es geht, um deren Akzeptanz zu erhöhen und es damit dann mir und anderen leichter zu machen.
Eine Woche, in der du dir besonders gut selbst gefällst, wünscht dir
Ines
Danke für deine lieben Wünsche. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man eigene Entscheidungen bei zu viel Begründung tot redet oder angreifbar macht. Darum üben wir beide und werden es schaffen. Mein Dad war wie deine Eltern und ich fand ihn deshalb auch so cool.
Und ich werde besser, was auch daran liegt, dass ich jetzt die richtigen Menschen um mich weiß.
Hab auch du eine gefallende und schöne Woche
Nicole
Liebe Nicole,
so isses richtig!
Findet Marie und sendet ermunternde Grüße
Und ich freue mich und schicke dankbare und liebe Grüße zurück!!