
Ich habe heute weniger Freunde als früher. Und erstaunlicherweise macht mich das nicht traurig, sondern zufrieden. Zufrieden? Ja, denn ich spüre eine viel tiefere Verbundenheit mit den Menschen, die heute in meinem Leben sind.
Freundschaft musste ich in meinem Leben neu lernen, neu definieren und bin dabei auf eine für mich wirklich wunderbare Erkenntnis gekommen. Denn es braucht vielleicht ein Dorf, um ein Kind großzuziehen, aber mit richtigen Menschen in deinem Leben braucht es erstaunlich wenige.
Warum ich Freundschaft für mich neu denken wollte und musste, darüber möchte ich euch heute erzählen.

Was Freundschaft über die Jahre für mich bedeutet
Obwohl ich (mittlerweile) auch gerne mit mir allein bin, meine soziale Batterie schon manchmal eine Aufladung benötigt und ich Ruhe schätze, waren sie doch immer ein wichtiger Bestandteil meines Lebens: Freunde.
Meine erste Freundin kam durch eine Freundschaft unserer Mütter in mein Leben. Bis heute haben wir lockeren Kontakt, aufgrund von Lebenssituationen nicht mehr so intensiv wie damals. Wir haben einiges zusammen erlebt und bis heute ist sie immer noch präsent in meinem Leben.
Dann gab es Schulfreunde, beste Freundinnen, wieder aufgelebte Schulfreundschaften, die momentan leider auch ruhen. Freundschaften und Beziehungen wandelten sich, beendeten sich und neue entstanden.
Ich war und bin immer noch bereit, in Freundschaften alles zu geben. Nur habe ich über die Jahre gelernt, dass ich das nicht um jeden Preis tun muss und möchte. Und das Freundschaft eben auch keine Einbahnstraße ist. Und das Ende einer Freundschaft kann sich auch wie Liebeskummer anfühlen.
Manche Freundschaften ruhen sich aus, können aber direkt wiederbelebt werden. Andere schlafen sanft ein und verschwinden mit einem Wermutstropfen, bleiben aber in schöner Erinnerung. Wieder andere zerplatzen mit einem Knall und hallen – manchmal – lange nach.

Der Begriff Freund wurde bei mir zu einem Titel
In der Zeit des Erwachsenwerdens hatte ich viele Freundinnen unterschiedlichster Couleur.Es war damals toll: mit der einen strickte ich, mit der nächsten hatte ich Teestunden, mit der anderen ging ich shoppen, während die wieder andere immer da war. Es war aber auch manchmal anstrengend, sich auf die jeweils menschlichen Eigenheiten einzulassen.
Nach der Schulzeit veränderte sich wieder etwas, es kamen neue Freunde hinzu. Durch die Kinder wurde der Kreis noch einmal erweitert.
Und dann, nach ein paar Jahren, definierte ich den Begriff Freundschaft für mich völlig neu. Und nicht jeder, der sich in meinem Leben aufhielt, bekam den Titel Freund verliehen. Ich unterschied zwischen Bekannten, guten Bekannten, Freunden und guten Freunden.
Wann ist denn dann eigentlich aus vielen Freunden eine kleinere, aber feine und ehrlichere Auswahl geworden?

Der Switch passierte vor einigen Jahren
Vor einigen Jahren gab es einen Bruch in meinem Leben. Eine mir sehr wichtige Freundschaft zerbrach auf wenig schöne Weise. Freunde, von denen ich dachte, sie wären auch meine, wanderten mit. Und so veränderte sich auch mein Freundeskreis.
Ich musste mich von Grund auf neu sortieren, Vertrauen neu definieren und Menschen mein Herz wieder öffnen.
Dieser Umbruch war zunächst keine Befreiung
Also begann ich, mit mir selbst aufzuräumen:
- Ich analysierte, was passiert war und versuchte die Leere zu füllen, indem ich mich und meine Bedürfnisse hinterfragte.
Interessanterweise war ich, auch durch meinen analytischen Mann, sehr schnell dabei zu wissen, dass ich nie mehr so viele Freunde möchte und brauche. Mir tat es nach einiger Zeit gut, mit mir selbst zu sein.
Mein Mann ist übrigens mein bester Freund – und zwar für alle Lebenslagen.
- Ich dachte über meine Enttäuschung und Verletzung nach und machte mir deutlich, wo meine Fehler gelegen haben
Dabei versuchte ich zu erfühlen, was ich in Freundschaften nicht mehr möchte und wie viel ich bereit bin, selber zu investieren. Letzteres war am Anfang erstaunlich wenig, weil ich erst einmal wieder ‚heilen‘ wollte.
- Ich fragte mich viele Dinge, unter anderem, warum Menschen sich in so rasender Geschwindigkeit von dir abwenden. Und ich freute mich, dass sich erste Trüffel unter den Menschen in meinem Alltag zeigten.
Meine Offenheit, eine meiner Kräfte, die ich immer sehr mochte, hat in der ersten Zeit gelitten. Aber nach und nach hat sie sich ihren Weg zurückerobert.
- Ich habe für mich dann gemerkt, dass es Menschen gibt, die für eine bestimmte Lebensphase passten, dann aber nicht mehr.
Und dabei war es für mich schwierig, anfangs diesem Gefühl des Nicht-Mehr-Dazugehörens ausgeliefert zu sein.

Heute denke ich, dass dieser Schnitt für mich und mein Leben zwar ausgesprochen schmerzhaft, aber auch unendlich wichtig war. Denn ich bin aus diesem Strom von plätschernden Freundschaften ans Ufer geschwommen und habe dabei peu à peu meine Herzensmenschen gefunden. Menschen, die sonst gar keinen Platz in meinem Leben hätten haben können. Oder, wie Michelle Obama es nennt, an meinen metaphorischen Küchentisch gefunden hätten.
Was ich dabei über Freundschaften gelernt habe
Drei Dinge habe ich in dieser Metamorphose für mich über Freundschaften gelernt. Witzigerweise deckt sich das mit den Erfahrungen einiger Menschen, so auch denen von Britta.
- Nicht jede lange Freundschaft ist auch automatisch eine gute Freundschaft
Manchmal schleichen sich Veränderungen leiser ein, als dass wir die Freundschaft direkt in Frage stellen würden. Du fühlst dich unwohl, verschiebst Treffen, fühlt dich danach ausgelaugt. Und so, wie auch wir uns manchmal verändern, tun das auch die Menschen in unserem Umfeld: eine neue Lebensphase, neue Ansichten, neue Partner.
Und nur, weil wir ja mal befreundet waren, müssen wir das nicht ewig weiterbleiben. Ich glaube mittlerweile, wenn sich etwas länger nicht mehr gut anfühlt oder sogar wehtut, dann ist es Zeit, das fair und respektvoll zu beenden.
2. Nicht jede Freundschaft, die irgendwann endet, war deshalb auch falsch
Natürlich gibt es falsche Freunde und falsch bleibt falsch. Aber das Ende einer Freundschaft bedeutet nicht, dass die Freundschaft unbedingt falsch war. Denn für die jeweilige Lebensphase und die Umstände hat sie gepasst, uns etwas bedeutet und mit Sicherheit haben wir etwas aus ihr mitgenommen. Das sind die Gedanken, die uns bleiben sollten.
3. Die richtigen Menschen dürfen Platz in unserem Leben bekommen und wir dürfen unsere Einstellung zu Freundschaft neu justieren
Nicht jeder Freund muss ein bester Freund sein. Nicht jeder Freund muss alles an uns und wir an ihm mögen. Nicht jeder Freund muss alles von uns oder wir von ihm wissen.
Ich habe nach diesem Switch für mich festgestellt, dass es einige sehr wertvolle Menschen da draußen für mich gegeben hat und vielleicht auch immer noch gibt. Und keine dieser Freundschaften ist absolutistisch. Aber sie sind alle wertvoll und wunderschön.
Alle Menschen, die jetzt in meinem Leben sind, möchte ich nicht wieder hergeben. Und sie mich hoffentlich auch nicht.
Eines jedoch sollte eine Freundschaft nie tun: Den anderen klein(er) machen. Wir sollten mit den Freunden in unserem Leben wachsen, verstanden und aufgefangen werden. Und laut lachen können, bis der Bauch wehtut. Und wir selbst sein dürfen. Ohne Show.

Was bedeutet Freundschaft heute für mich?
Für mich sind Freunde die Freude und der Ankerplatz meines Lebens. Ich genieße es, sie in meinem Herzen zu haben und zu wissen, da ist jemand, der mich so nimmt, wie ich bin. Mit allen meinen Macken, meinem übergroßen Herzen und meiner wenigen Zeit.
Für mich bedeutet Freundschaft, dass man sich kennen muss. Man muss nicht alles verstehen, aber Verständnis zeigen. Man darf geraderücken ohne zu unterdrücken. Man kann schwarze und weiße Meinungen haben und sie behalten.
Man muss sich nicht jeden Tag sehen oder sprechen. Aber wenn, dann darf es sich anfühlen, als wäre das letzte Mal gestern gewesen.
Man darf sich miteinander freuen, ohne neidisch zu sein. Man verlässt sich aufeinander, Vertrauen ist kein Wort beim Scrabble.
Die Qualität steht über der Quantität, auch wenn man sich wünscht, sich öfter zu sehen oder näher beieinander zu sein.
Ehrliche Gespräche führen, statt leere Floskeln zu tauschen.
Und Freundschaft darf im Alter auch anders aussehen als mit 20 oder 30. Deswegen kann man sich in der Parfümerie dennoch endlos mit Düften beschäftigen.

Ich muss nicht mehr überall dazu gehören – aber ich möchte im Herzen meiner Freunde sein
Heute weiß ich, dass ich einen netten Tag oder Abend mit Menschen verbringen kann, ohne dass man sich das Freundschaftssiegel aufdrückt. Ich muss nicht in jedem Zirkel, Verein oder einer Zusammenkunft dabei sein.
Ich darf einen Kreis oder Menschen verlassen, wenn ich merke, es tut mir nicht gut.
Ich kann mittlerweile sehr gut auch allein sein, ohne dass ich mich einsam fühle. Umso schöner ist das Wissen, dass es immer jemanden gibt, mit dem ich mich über Trends belustigen, von dem ich ein witziges Video, liebe Worte, eine Umarmung bekomme.
Weniger Freunde zu haben, bedeutet nicht, einsamer zu sein
Nur weil ich nicht 2735 Telefonkontakte oder Follower habe, genieße ich automatisch weniger Verbundenheit. Das stimmt nicht.
Denn auch wenn wir Frauen uns gerne einmal vergleichen:
- Nur weil Kunigunde 144 Freunde hat, bedeutet es nicht, dass sie ihnen mit Vertrauen begegnet oder sich eine von ihnen nachts um drei ins Auto setzt, um sie zu umarmen.
- Nur weil Hermine 24/7 auf Kaffeetreffen, Parties oder Lesungen weilt, bedeutet das nicht, dass da die eine Hand ist, die sie hält, wenn sie eine Abfuhr bekommen hat
- Nur weil Kassandra ständig von ihren Mädels redet, bedeutet das nicht, dass sie einander ihr Herz ausschütten oder stundenlang das perfekte Longsleeve suchen und sich dabei köstlich amüsieren
Die eine Freundin, mit der du ohne schlechtes Gewissen drei Stücken Kuchen isst, wo du keine Mascara und Markenklamotten brauchst und nicht immer nur gute Laune haben und Seifenblasen pusten musst, diese eine Freundin ist so viel wertvoller als 37 WhatsApp-Gruppen.

Ich bin heute dankbar für den Switch und meine Freundschaften
Ich bin unendlich dankbar für die Menschen in meinem Leben, die es mit Glow überschütten. Die mich mich sein lassen und ich sie sie sein lasse. Die da sind und wenn sie nur ab und an ein Herzchen-Emoji schicken. Die sich mit mir freuen, mit mir Luxusprobleme und echte Probleme beim Schopfe packen. Mit denen ich lachen kann und weinen könnte.
Menschen, die ich treffe und gerne immer wieder sehe. Die ich vermisse und die dennoch da sind. Immer
Ich habe heute weniger Freunde als früher. Aber ich weiß viel besser, was sie mir und was ich ihnen bedeute.
Wie ist es denn bei euch? Hat sich euer Freundeskreis im Laufe der Zeit verändert?
Alles Liebe,
Eure Nicole






Ich schließe mich an. So ein schöner Beitrag ❤️
Mein Freundeskreis ist sehr überschaubar. Mir ist es lieber, wenige gute Freunde zu haben als viele, die nur oberflächlich sind. Natürlich gehört auch ein Bekanntenkreis dazu.
Ich mag dich wirklich sehr und freue mich immer, wenn wir uns einmal treffen.
Liebe Grüße
Sabine
Ich gebe das genauso zurück, ich freue mich so sehr, dass wir uns kennenlernen durften. Und ich freue mich jetzt schon auf unsere nächstes Wiedersehen.
Danke und liebe Grüße
Nicole
Was für ein wunderschöner Beitrag ❤️.
Das Ende einer Freundschaft kann sich definitiv wie Liebeskummer anfühlen. Das habe ich mehrfach so durchlebt, gerade kürzlich wieder. Ruhende Freundschaften, die wiederbelebt wurden, habe ich hingegen noch nie erlebt (nee, stimmt nicht – einmal und das wäre besser nicht passiert).
Gerade lange Freundschaften bestehen vermutlich oft eher aus Gewohnheit als denn aus wirklicher Zugewandtheit. Wenn ich am Ende einer langen Freundschaft überlege, wie es mir damit über die Jahre ging, gibt es oft viele Sachen, die mich schon lange gestört haben. Das waren keine Sachen, die sich durch Ansprechen hätten ausräumen lassen. Es waren tief verwurzelte Handlungs-/Denkweisen der Person.
Kürzlich habe ich gelesen, dass man zum Durchschnitt der fünf Menschen wird, mit denen man am meisten zu tun hat. Das ist schon was dran. Ich habe wie du lieber wenige Freunde, keine Clique und bin keine Messenger-Gruppen-Sammlerin. Ich habe überlegt, welches die fünf Menschen sind, nachdem zwei sich gerade von mir getrennt hatten. Dabei stellte sich raus, dass es deutlich mehr Menschen in meinem Umkreis gibt, als ich auf dem Zettel hatte. Wenig ganz nahe, aber das ist gut so. Alles andere wäre mir eh zu viel. Tägliche Emotionswellen von anderen Menschen möchte ich gar nicht mehr abbekommen.
Danke, dass ich einen Platz an deinem Küchentisch habe wie du an meinem und ich lache sooo gerne mit dir!
Oh, wie lieb. Das mit den mehr Menschen ist bei mir auch so, aber es sind viel weniger als früher. Und das macht den Küchentisch gemütlicher. Und ich lache auch gerne mit dir.
Ich stimme dir in allen Punkten zu, denn es war und ist bei mir ganz ähnlich. Und dennoch ist es alles gut, wie es ist.
Hab eine schöne Woche
Nicole